Historische Einrichtung der St. Georgs-Apotheke, heute im Burgmuseum zu bewundern – Foto: Elisabeth Vogl

Wer kennt noch die alte, gute Apotheke mit dem mystischen Lichte der geheimnisvollen Dämmerung und den dazugehörigen Gerüchen nach ausländischen, überirdischen Düften. Wer sieht noch die alten Gefäße und vielen Flaschen mit dem für uns undefinierbaren, aber scheinbar zauberhaften Inhalt. Wer wartet noch auf seine Arznei geduldig in dem Halbdunkel einer Sitzecke auf der alten Truhe, auf die Geräusche horchend beim Fertigen der Pillen in der sonst so stillen Offizin.

Apotheker Heribert Brands – unbekannter Fotograf


Die „alte“ St. Georgs-Apotheke in der unteren Burgstraße - Postkarte um 1965; Aufn. und Verlag Foto-Eiglsperger, Mitterfels; Sammlung Otmar Kernbichl

Da ist das gutmütige greisenhafte Haupt des Apothekers mit den wissenden, klaren Augen, der nach Begehr und Wunsch fragt. Es sind alte Leute, meist aus der umliegenden Gegend, die in ihren ländlichen sonntäglichen Anzügen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder gar auf dem Gäuwagerl hereinpilgerten. Jeder von ihnen hat seine Sonderanliegen, zum Teil auf Wunschzetteln geschrieben, manchmal recht umständlich und zaghaft hervorgestottert, manchmal auch recht resolut vorgetragen: „Tabletten möcht i.“ „Darf ich fragen, was für Tabletten Sie meinen?“ „Ja, zum Einnehmen. Weiße warn‘s, in einem blauen Schachterl drin.“ „Nein, ich meine für welche Krankheiten.“ „Für alles! - Wenn ich‘s seh, nacha woaß ich‘s scho.“ Alsdann lässt man ihm halt die Freud, zeigt ihm die vielen Schubladen und bittet ihn, sich alles nur gut anzuschau‘n. Zögernd geht er um den Handverkaufstisch herum, und nach kurzem Überlegen zieht er eine Schublade heraus. Doch welche Vielfalt von Farben und Schachteln! Und mit einem „I sichs scho, Ihr habt‘s es nöt“, gibt er allzu schnell auf. Der Apotheker, mit Umgang und Ausdruck vertraut und wohl wissend, was er meint, öffnet ihm die Schublade mit den vielerlei Schmerztabletten. Da hellt sich sein Gesicht auf und er greift nach einer Packung: „Ja, da habt‘s ös ja doch!“

Die Tür geht auf, eine aufgeregte Landfrau kommt herein mit einem sehr missmutigen Gesicht, und mit einer energischen Handbewegung wirft sie uns eine leere 10er-Packung Vaginalzäpfchen auf den Tisch. Sie behauptet, dass die Dinger gar nichts geholfen haben, und sie möchte wieder so eine Schachtel. Während sie der Apotheker ob solcher Widersprüchlichkeit ratlos anschaut und nach einer geeigneten Frage sucht, schreit sie: „Jetzt friss i scho die dritte Packung von dem Kako und nixn hilft!“ In diesem Falle ernst zu bleiben und die Anwendung der Zäpfchen gebührend zu erklären, bedarf es schon einer außerordentlichen Geschicklichkeit.

Da wird unsere „Patzientin“ heute wohl kaum mehr eines „Pfefer Mintz Thees“ bedürfen. – Original im Bildarchiv Brands


1962 geschrieben: da wird unsere „Patzientin“ heute wohl kaum mehr eines „Pfefer Mintz Thees“ bedürfen. Nicht nur zum Schmunzeln fügen wir dieses Brieflein bei: es spricht daraus auch so viel Vertrauen zu ihrem „Doktor“ (so haben Landleute den Apotheker oft angesprochen). Vertrauen aber ist schon eine halbe Medizin - und dies nicht allein in alter Zeit.

Der Leser mag sich fragen, warum das alte Mutterl seine Trinkmilch ausgerechnet in der Apotheke suchte.  – Original im Bildarchiv Brands

Mehr an schwungvolle „Doktorschrift“ gewohnt, erfordern Zettelchen wie dieses doch einiges Nachdenken. Der Leser mag sich fragen, warum das alte Mutterl seine Trinkmilch ausgerechnet in der Apotheke suchte.

Quelle: Heribert Brands, veröffentlicht in „Bilder erinnern“, 1981, Druck und Verlag Franz Stolz, Mitterfels